Research Centre for Early Christian-Coptic Studies

K7244Verso Papyrusfragment

K7244Verso Papyrusfragment, 6. Jahrhundert mit Text aus dem Matthäusevangelium (3,10-12) © Österreichische Nationalbibliothek

Mit einem zwischen Prof. Dr. Karlheinz Schüssler und der Universität Wien am 6. April 2011 geschlossenen Vertrag erhält die Universität Wien den wissenschaftlichen Zugang zu dem von Prof.Dr. Karlheinz Schüssler gesammelten Bildmaterial und erreichtet zur wissenschaftlichen Betreuung und Erschließung des Materials ein "Reserarch Centre for Early Christian-Coptic Studies". Es handelt sich bei dem Bildmaterial um geschätzte 50.000 Abbildungen von rund 240.000 Handschriftenseiten und Handschriftenfragmenten in verschiedenen Formaten (Mikrofilm, Photos und Digialisate). Dieses Bildmaterial stellt die weltweit größte Sammlung von Abbildungen koptischer Bibelhandschriften dar. Weitaus die meisten Bilder betreffen den wichtigsten koptischen Dialekt, das Sahidische. Daneben finden sich Bilder von Handschriften in den verschiedenen koptischen Dialekten. Das Beschreibmaterial ist meist Pergament, jedoch sind auch zahlreiche Papyri dokumentiert. Die Sammlung, Sichtung und Ordnung des Materials beschäftigt Prof. Dr. Karlheinz Schüssler schon seit vielen Jahrzehnten. Ein großes Problem stellt dabei die Verteilung einzelner Blätter aus einer Handschrift in verschiedenen Bibliotheken dar. Vor allem im Rahmen des Antiquitätenhandels im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert wurden zahlreiche Bibelhandschriften in Einzelblätter zerteilt. Damit gelangten oftmals Blätter einer Handschrift in unterschiedliche Bibliotheken. Eine wichtige wissenschaftliche Herausforderung ist damit die Identifizierung einzelner Blätter einer Handschrift, die in unterschiedlichen Bibliotheken aufbewahrt werden. Dies geschieht über die charakteristischen Eigenschaften einer Handschrift. Verschiedene Elemente sind für eine Identifizierung heranzuziehen. Neben der Form der Buchstaben, der Größe der Seite und möglicherweise erhaltenen Seitenzahlen, ist selbstverständlich auch die erhaltene Bibelstelle für eine Identifizierung von Zusammengehörigen Blättern wichtig. Die Dokumentation der zusammengehörigen Blätter einer Handschrift ist die Aufgabe der wissenschaftlichen Reihe Biblia Coptica, die seit 1995 im Verlag Harrassowitz erscheint. Neben der Zusammengehörigkeit der Blätter wird auch der Inhalt der Handschriften beschrieben. Durch die Sammlung des Bildmaterials wird nun eine virtuelle Zusammenführung der Handschriften ermöglicht, was die Grundlage für weitere wissenschaftliche Forschungen bildet.

K.9007r Pergamenthandschrift

K.9007r Pergamenthandschrift, Papyrussammlung Wien. Lukasevangelium 10,30-35 6./7. Jahrhundert © Österreichische Nationalbibliothek

Dass die Transkription der einzelnen Handschriften eine wissenschaftliche Herausforderung darstellt, ist in sich schon unbestritten. Hierdurch werden die einzelnen Handschriften und der von ihnen gebotene Bibeltext vergleichbar. Da es sich um einen handschriftlich überlieferten Text handelt, sind Abweichungen zu erwarten, so dass die Transkription aller Handschriften die Voraussetzung für die Erstellung eines kritischen Textes ist. Für das Johannesevangelium sind bereits eine ganze Reihe von Transkriptionen sahidischer Bibelhandschriften virtuell zugänglich. Ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Arbeit liegt in der Bedeutung dieser frühen Übersetzung des Neuen Testaments für den griechischen Text des Neuen Testaments. Die ägyptische Überlieferung dieses Textes bietet eine ganze Reihe von Textvarianten, die einerseits in frühen griechischen Papyrusfragmenten und andererseits dann in der koptischen Überlieferung belegt sind. In dieser Frage erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Neutestamentliche Textforschung in Münster und dem Institute for Textual Scholarship and Electronic Editing (ITSEE) in Birmingham.

Zahlreiche weitere Forschungsfragen bieten sich an. Bei den Bibelhandschriften kann es sich sowohl um vollständige oder fragmentarische Handschriften eines biblischen Textes handeln, es sind jedoch auch Lektionarshandschriften erhalten. In diesen werden die für den Gottesdienst vorgesehenen Lesungen im Jahreskreis angeführt. Die Zusammenstellung des Materials ermöglicht es somit, Aussagen zum Ablauf der Liturgie und zum liturgischen Jahr zu treffen. Ferner ermöglicht die Tatsache, dass mehrere Handschriften aus einer Klosterbibliothek stammen, gleichsam einen Blick in die Schreibwerkstatt der ägyptischen Mönche. Die gegenseitige Beeinflussung der Texte, die aus einem Kloster stammen, lässt sich nachweisen. All dies sind Herausforderungen für die Forschung, die überhaupt erst nach Bewältigung der Sichtung, Zuordnung und Transkription der Handschriften möglich sind, so dass zahlreiche Forschergenerationen hier ein weites Feld für wissenschaftliche Arbeiten finden werden.